Alles andere als altbacken

Deshalb spielt ein 24-Jähriger aus Haselünne plattdeutsches Theater

Lukas Best

Plattdeutsch hat unter jungen Leuten oftmals den Ruf, eine „Alte-Leute-Sprache“ zu sein. Von wegen, findet Lukas Best, der von klein auf damit aufwuchs. Für den Haselünner ist Platt ein Stück gelebte Tradition und alles andere als out. 
„Af van ’ hoff!“ Wie bitte? Nun, das ist Plattdeutsch und bedeutet so viel wie „Runter vom Hof“, erklärt Lukas Best im Gespräch. Für den 24-Jährigen aus Haselünne ist dies eines seiner Lieblingszitate auf Platt. „Das kann man salopp als ,Was muss, das muss‘ interpretieren. So eine Art Einwurfwort, das in verschiedensten Situationen verwendet werden kann. Es ist einfach eine universell verwendbare Antwort.“ 
Und auch sonst findet Best viel Gefallen an der niederdeutschen Sprache. So sehr, dass er sogar Mitglied der plattdeutschen Theatergruppe „Kolping Theater“ in Haselünne ist. Doch mit diesem Interesse ist Best eher eine Ausnahme unter den jungen Leuten.

Denn nach einer 2016 vom Institut für niederdeutsche Sprache erhobenen Umfrage in Norddeutschland schwinden die Sprachkenntnisse des Plattdeutschen immer mehr. Gaben 1984 noch 35 Prozent der Befragten an, dass sie sehr gut bis gut Plattdeutsch sprechen könnten, so hat sich dieser Wert 32 Jahre später auf knapp 15 Prozent halbiert. Und auch die passiven Plattkenntnisse – also nicht das aktive Sprechen, aber das Verstehen – fielen von 66 Prozent auf 48 Prozent zurück. Das Institut geht derzeit davon aus, dass nur noch knapp 2,5 Millionen Deutsche die Sprache aktiv beherrschen.
Für Best gehört das Plattdeutsche fest zu seinem Alltag. Zwar habe er Platt nicht in der Schule gelernt, sei jedoch in seinem Elternhaus von klein auf damit aufgewachsen. „Meine Großeltern haben es natürlich viel gesprochen, aber vor allem mein Vater redet nur Plattdeutsch mit mir. Ich selber habe es bis vor Kurzem aber nur verstehen können, nicht jedoch selber aktiv gesprochen.“ Dies habe sich erst seit seinem Eintritt in die Theatergruppe geändert. 

Doch wie kam es dazu? „Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich auf die Bühne gehöre, und Interesse am Theater hatte ich ebenfalls. Eines Abends war ich dann mit meiner Freundin und ihrer Familie bei einem Konzert, wo auch ein Mitglied der Theatergruppe dabei war. So kamen wir ins Gespräch, und eines führte zum anderen.“ 
Lustig sei zudem, dass er vorher nie in einem Theater mit Aufführungen in Hochdeutsch war. Die ersten Schritte auf den Brettern, die die Welt bedeuten, hätte Best also auf Plattdeutsch gemacht – wenn denn derzeit Aufführungen stattfinden würden. Denn diese sind wegen Corona derzeit noch abgesagt.

Plattdeutsche Träume? Nichtsdestotrotz musste der junge Haselünner nun erst einmal lernen, Plattdeutsch auch richtig zu sprechen. Und dies war anfangs gar nicht so einfach. „Das Problem ist gar nicht mal das Sprechen, sondern eher das Lesen und Schreiben von Platt. Denn viele Wörter klingen ganz anders, als sie geschrieben werden. Beim Üben meines Skriptes habe ich mir manchmal sogar Buchstaben weggestrichen, da die Wörter dann einfacher zu lesen und einzuprägen waren.“ 
Alles in allem sei er jedoch sehr schnell in der Sprache gefestigt gewesen. Dies habe sich auch anderweitig ausgewirkt. „Wenn ich Platt spreche, dann denke ich auch automatisch auf Platt. Das ist mir anfangs gar nicht aufgefallen“, so Best. Träumen tue er allerdings weiterhin in Hochdeutsch, witzelt er. 
Neben der Familie und der Theatergruppe hat Best jedoch nicht so viel Kontakt mit dem Plattdeutschen, obwohl laut eigener Aussage auch die meisten in seiner Clique die Sprache beherrschen würden. „Ich glaube, von den Jungs kann es jeder verstehen als auch sprechen. Wir haben auch einen Running Gag in Platt. Zu allem, was es Gutes gibt – etwa mal ein Bierchen – sagen wir: Dat Schönste, wat et jibt.“ Dennoch könne man aus seiner Sicht ruhig mal öfters Platt „küren“, witzelt er. Vor allem, da das Plattdeutsche für ihn ein Stück gelebte Tradition ist. 

Best findet es deshalb auch schade, dass das Plattdeutsche immer mehr an Boden verliert, zumindest als aktive Sprache im Alltag. Dem könne man aus seiner Sicht entgegenwirken, indem in Schulen etwa mehr Aktionstage zum Niederdeutschen abgehalten würden. Oder es auch in den regulären Unterrichtsplan einfließen lassen. „Warum zur Abwechslung nicht mal ein plattdeutsches Gedicht analysieren? Das wäre doch mal was anderes und weckt vielleicht auch gerade bei Jüngeren das Interesse.“ Denn Plattdeutsch biete so viele schöne Wörter und Zitate, erklärt Best. „Am Platt gefällt mir einfach diese Kaltschnäuzigkeit. Es ist nicht so steril und steif wie das Hochdeutsche manchmal und hat eher eine lockere und persönlichere Note. Und viele Wörter klingen einfach ansprechender und nicht so trocken.“ 
Um diese „kaltschnäuzige“ Mundart zu erhalten, veranstaltet die Fachstelle Plattdeutsch der Emsländischen Landschaft diverse Veranstaltungen. „Wir halten etwa jährlich das Plattsatt-Festival ab, wo plattdeutsche Bands und Sänger auftreten oder auch Poetry-Slams im Plattdeutschen veranstaltet werden“, sagt Gesche Gloystein, die Leiterin der Fachstelle Plattdeutsch. Daneben gebe es auch Online-Kurse oder Theatergruppen, mit denen man junge Leute für die Sprache begeistern wolle. Und die Tendenz sei relativ gut. 
„Wir merken, dass sich Plattdeutsch langsam etwas vom altbackenen Image entfernt. Vor allem in den ländlichen Regionen wächst auch das Interesse unter Jugendlichen. Zwar wird Platt derzeit vermehrt für Phrasen und Sprüche genutzt, aber damit einher geht auch das aktive Sprechen“, so Gloystein. Und auch für die Zukunft habe man viel vor. So ist für nächstes Jahr etwa eine App vorgesehen, die beim Plattdeutsch-Lernen helfen soll. 

aus: Osnabrücker-Zeitung/Dominik Bögel