Das Mordsvergnügen spielt im Bereich der Organisierten Kriminalität.
Was das Ensemble abliefert, genügt höchsten Ansprüchen.

Das Publikum im Saal des Kleines Hauses im Oldenburgischen Staatstheater ahnt zu Beginn noch nicht, dass es wenig später über Mord kräftig lachen wird. Was das Ensemble der Niederdeutschen Bühne Oldenburg bei der Premiere der Komödie „Achtsam moorden/Achtsam morden“ abliefert, genügt allerhöchsten Ansprüchen. Der verdiente Lohn sind minutenlanger Applaus der Besucher und stehende Ovationen.
Regisseur Christoph Jacobi wirkt wie der Dirigent einer moralischen Farce. Mit präzisem Rhythmus lässt er die Szenen in unheimlichem Tempo ineinander gleiten — mal rasiermesserscharf komisch, mal eher still. Die Bühne besteht aus einer auf den ersten Blick kargen Holzkonstruktion, die an ein Fachwerkhaus erinnert und sich eignet, nahezu alle Zwischenräume zu Luken zu bespielen.
Im Zentrum der Handlung steht ein auf Strafrecht spezialisierter Anwalt, der privat ein liebevoller Familienmensch sein will, dienstlich aber Mafia-Konsorten die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen soll. Was Jakob Dalin in der Hauptrolle als Anwalt abliefert, ist herausragend. Er rennt wie gehetzt pausenlos über die Bühne, feuert seine Textpassagen in hohem Tempo fehlerfrei ab; eine Figur wie ein Spiegelkabinett: mal freundlich, kontrolliert, höflich — und zugleich erschreckend flexibel in seiner Moral. Er mordet nicht aus Leidenschaft, sondern aus „Notwendigkeit“. Er redet nicht von Schuld, sondern von „innerer Balance“. In dieser Darbietung liegt das eigentliche Grauen: Die Gewalt kommt nicht laut, sondern in sanfter Sprache. Kompliment für diese außergewöhnliche Schauspielerleistung.
Gehetzte Hauptfigur
Neben der gehetzten Hauptfigur fällt auf den ersten Blick noch Mario Forkel sehr positiv auf. Er mimt einen Psychologen (im Stück heißt er treffend „Achtsamkeitscoach“), den die Frau des Rechtsanwalts ihrem Gatten quasi verordnet hat, um die Ehe zu retten.
Der Coach umrahmt mit seiner Rhetorik und seinen unverhofften Kurzauftritten immer wieder die Handlung – hält dem Publikum aber auch den Spiegel vor; in unserer „Wellness-Gesellschaft“ lässt sich scheinbar jedes Problem mit einem Atemzug, jeder Konflikt mit einer geflügelten Coaching-Phrase lösen. „Achtsamkeit“ wird im Stück aber zur Waffe — nicht brutal, sondern höflich. Gerade das macht die Satire in dieser Inszenierung von „Achtsam moorden/Achtsam morden“ so bitter.
Mafia-Größen
Erwähnenswert sind auch die dubiosen, miteinander konkurrierenden Mafia-Größen (herrlich gespielt von Klaus Pflug und Clemens Larisch) aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität mit all ihren Helfershelfern (allen voran ist Jendrik Ische zu nennen).
Regisseur Christoph Jacobi hatte im Vorgespräch die hohe Qualität des Ensembles dieses Amateurtheaters gelobt; nach der Premiere ist man geneigt zu sagen, er hat noch untertrieben. Die Inszenierung bewegt sich gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen schwarzer Komödie und gesellschaftskritischem Kommentar. Er setzt auf ein hohes Erzähltempo; die Zuschauer werden von Beginn an in den Strudel der Ereignisse gezogen.
Lob für die Ausstattung
Der Erfolg dieser niederdeutschen Erstaufführung liegt aber auf den Schultern des gesamten Ensembles auf der Bühne, aber auch dahinter (unter anderen gebührt Georgios Kolios ein Lob für die Ausstattung). Auf der Bühne sind 15 Mitwirkende zu sehen, die noch weitere kleine Rollen mimen; darunter mit Oliver Kurth und Helge Lorenz zwei Musiker, die zum Milieu und zur Handlung für passende Hintergrundtöne sorgen. Die Darsteller in der Kriminalkomödie sind neben den Erwähnten noch Nadine Woinke, Linn Wittich, Melanie Lampe, Tammo Poppinga, Marcel Settnik, Sarah Kruse, Marie Lowicki und Thomas Hellmold.
„Achtsam moorden/Achtsam morden“ überzeugt als intelligentes, temporeiches Theater, das bestens unterhält. Es gelingt ein bemerkenswertes Spannungsfeld zwischen Komik und Kritik. Man verlässt das Theater mit einem Lächeln und der ungemütlichen Frage: Wie achtsam sind wir wirklich — und wozu sind wir im Namen dieser Achtsamkeit bereit? Fazit: Ein außergewöhnlicher Theaterabend. Beste Unterhaltung. Mehr davon.
Termine
Derzeit sind leider alle Vorstellungen am 6. Februar, 8., 28. und 29. März, 11. und 12. April sowie 3. Mai ausverkauft. Weitere Information unter Tel. 0441-2225-111 oder unter: www.staatstheater.de
aus NWZ-Online vom 3. Februar 2026 / Bild: Stephan Walzl
